FCG INTERVIEW | TINA LUTZ

Mein Ansatz ist responsible, nicht sustainable.

Mit Tina Lutz ist vor einigen Jahren eine Modekoryphäe in die Heimat zurückgekehrt. Die in Deutschland geborene und an der ESMOD Paris ausgebildete Modedesignerin hatte erst für Issey Miyake in Paris und Tokyo gearbeitet, bevor es sie 1992 nach New York zog, wo sie als Senior Designer bei Calvin Klein anheuerte — zu den Heydays der amerikanischen Mode. Nach weiteren Stationen co-gründete sie 2000 das Luxus-Knitwear-Label Lutz & Patmos, das insbesondere durch Kooperationen mit Julianne Moore, Jane Birkin, Carine Roitfeld oder Sofia Coppola bekannt wurde. Nach Jahren im Ausland launchte sie 2017 Lutz Morris, ein Label für zeitlos zeitgeistige, luxuriöse und umweltbewusste Handtaschen made in Germany. Ein Gespräch über sterbendes Handwerk, internationale Designförderung und Nachhaltigkeit.

Du hast viele Jahre in New York gelebt. Wieso bist du eigentlich nach Deutschland zurückgekehrt?

Wir hatten uns 2015 entschlossen, nach Deutschland zu ziehen, weil es meinen Eltern nicht gut ging. Eigentlich wollten wir nur ein Jahr bleiben, schnell wurde klar, dass die Zeit nicht reicht. Mein Mann und mein Sohn fühlten sich außerdem immer wohler in Berlin, die Stadt wird ohnehin internationaler. Also sind wir immer noch da. Meine Eltern glücklicherweise auch.

2017 wurde Lutz Morris gelauncht. Ist die Idee aus dem Umzug heraus gewachsen?

Das erste halbe Jahr in Berlin hatte ich noch Brand-Consulting-Verpflichtungen in New York und bin dafür regelmäßig hin und her geflogen. Langfristig wäre das schwer möglich gewesen. Zum ersten Weihnachten in Berlin schenkte mir mein Mann eine in Deutschland hergestellte Lederschatulle zur Aufbewahrung von Stiften. Sie hatte eine aufgesetzte Rahmenkonstruktion, ähnlich zu der, wie ich sie jetzt für meine Taschen verwende. Etwas an der Schatulle hat mich damals wahnsinnig inspiriert, ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert. Auf einmal hatte ich ganz viele Ideen für Taschen im Kopf. Anfangs dachte ich, das kann ich nicht machen, mein Background ist in Tailoring und Knitwear. Das Label hat eigentlich mich gefunden, nicht umgekehrt.

Deine Taschen werden ausschließlich in Deutschland produziert, wo es traditionell eine lange Geschichte im Lederhandwerk gibt.

Trotzdem war meine Recherche hier anfangs sehr ernüchternd und deprimierend. Es gibt in Deutschland zwar sehr viel Know-how, allerdings kaum Unterstützung für die Betriebe. Auf meiner Suche nach passenden Partnern und Produktionsstätten habe ich viele Manufakturen besucht, denen man ansehen konnte, dass sie einmal viel größer gewesen waren — bei einigen von ihnen wusste man schon, dass sie in wenigen Jahren schließen werden. Weil die Betreiber in Rente gehen und keinen Nachwuchs finden.

Schlussendlich war die Suche erfolgreich?

Genau. Heute kommt 98 Prozent des verwendeten Leders aus Deutschland, die anderen zwei aus Italien — Novelty-Leder, das es hier ganz einfach noch nicht gibt. Die Gerberei ist übrigens gleich um die Ecke von der Lederfabrik, die Kartons für meine Verpackungen kommen aus der selben Stadt im Rheinischen Raum. Alles ist ganz bewusst so dicht wie möglich aneinander. Alle Ketten kommen aus dem Schwarzwald, die Rahmen aus der Nähe von Offenbach.

Mit deinen Taschen verfolgst du auch einen umweltbewussten Ansatz.

Für mich ist das ein wichtiges Thema, vielleicht, weil ich Deutschland aufgewachsen bin. Hier wird Nachhaltigkeit schon seit Jahrzehnten gelehrt. Ich bin 1992 nach New York gezogen, damals wurde dort der Müll noch nicht getrennt — in Deutschland war das bereits Gang und Gäbe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie weh mir das tat, alles in den gleichen Container zu schmeißen. Seit 21 Jahren habe ich eigene Labels. Beruflich habe ich da schon immer versucht, umweltbewusst zu denken.

Inwiefern?

Für mich gibt es in diesem Kontext drei wichtige Dinge. Erstens: Kunsthandwerker unterstützen und ein Handwerk dadurch am Leben zu erhalten. In der Vergangenheit habe ich dabei insbesondere versucht, mich mit Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu vernetzen und zusammenzuarbeiten und sie dadurch zu fördern. In dem Rahmen entstand etwa Macramé in Bolivien oder Stickereien in Kabul. Jetzt unterstütze ich das deutsche Handwerk.

Zweitens: So verantwortungsbewusst wie möglich zu produzieren. Ich nenne meinen Ansatz bewusst lieber responsible als sustainable, weil ich glaube, dass nichts, was hergestellt wird, nachhaltig sein kann — nichts brauchen wir wirklich. Nachhaltig wäre also, gar nicht zu produzieren.

Drittens: Etwas zurückgeben. Schon in der Vergangenheit habe ich Hilfsorganisationen unterstützt.  Für Lutz Morris gehen zehn Dollar jeder verkauften Tasche an Every Mother Counts, eine von meiner langjährigen Freundin Christy Turlington gegründeten NGO, die sich dafür einsetzt, die medizinische Versorgung schwangerer Frauen weltweit zu verbessern.

Stellt sich bei Materialien wie Leder die Frage nach einer verantwortungsbewussten Beschaffung von Ressourcen als auch der Herstellung eigentlich umso mehr?

Natürlich. Für mich war das anfangs ein großes Dilemma — sollte man überhaupt noch Leder verwenden? Nach intensiver Recherche ist es eher responsible, mit zertifiziertem Leder zu arbeiten als mit Plastikkunstleder.

Ich arbeite ausschließlich mit umweltzertifizierten Fabriken zusammen, gerade in Hinblick auf die Gerbereien ist das wichtig. Für mich bedeutet ein verantwortungsbewusstes Label zu leiten aber auch, dass wir zum Beispiel im Büro alles recyceln. Auch unsere Versandboxen werden wiederverwertet. Unsere Kunden klären wir darüber auf. Das Thema Nachhaltigkeit interessiert heute übrigens alle unsere Käuferinnen, nicht nur jene aus Deutschland.

Mit Lutz Morris verfolgst du einen bewussten genauso wie einen ästhetischen Anspruch — beides zusammen war lange undenkbar. Warum eigentlich?

Gerade habe ich in Mailand eine Ledermesse besucht, das Thema Nachhaltigkeit war überall präsent. Allerdings ist das immer auch teurer. Viele Hersteller als auch Konsumenten sind deshalb noch nicht bereit, umzudenken. Aber das ändert sich zum Glück stetig.

Einsatz für die Umwelt wird heute ausgezeichnet. Vor kurzem hast du in New York den Sustainable Award der Fashion Group International gewonnen.

So ein Preis ist natürlich eine wichtige Signalwirkung für das Thema Nachhaltigkeit im Allgemeinen und für ein junges Label wie Lutz Morris eine Chance. Ich hoffe, dass die Leute dadurch sehen, wie viel Mühe wir uns tagtäglich geben. Preise fördern auch Ideen.

Apropos Förderung: Seit 2006 bist du Mitglied des CFDA, der US-amerikanischen Modekammer und Neuerdings auch Mitglied des Fashion Council Germany. Wie erlebst du die Unterstützung von Designern in den USA im Gegensatz zu Deutschland?

Das ist natürlich schwer zu vergleichen, immerhin gibt es den CFDA deutlich länger, er ist wesentlich größer. Sich zu institutionalisieren war für amerikanische Designer vielleicht leichter als es hier ist — in den USA zentrierte sich zumindest damals noch alles Modische in New York, hier ist die Mode über das gesamte Land  verstreut. Deutschland fehlen außerdem Calvin Kleins, Ralph Laurens und Donna Karans.

Im CFDA hast du einige Jahre lang aktive Aufgaben übernommen.

Ich war Mitglied in diversen Kommitees, einem für Nachhaltigkeit und sieben Jahre lang in jenem für die Aufnahme neuer Mitglieder. Aus den jährlichen Bewerbungen haben wir die ausgewählt, welche die Kriterien erfüllen — der CFDA prüft, inwiefern Marken tatsächlich ernste Absichten haben, oder ob es sich dabei lediglich um Blitzideen handelt. Junge Labels müssen so etwa bereits seit drei Jahren aktiv sein und vorlegen, wo sie im Handel vertreten sind. Das ist eine Form von Qualitätssicherung: Der CFDA ist heute längst selbst sowas wie eine Marke.

Was kann Deutschland davon lernen?

Ich glaube, dass eine Institution wie eine Modekammer schon einmal grundsätzlich hilft. Es ist immer wichtig, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Ich selbst habe vier Jahre lang an der Rhode Island School Modedesign unterrichtet — mein Wissen weiterzugeben war mir sehr wichtig. Gleiches sehe ich beim CFDA, der etwa Hersteller prüft und weiterempfiehlt, davon profitieren junge Marken umso mehr. Generell denke ich, Deutschland sollte mehr Vertrauen in sich haben. Hier herrscht oft ein Misstrauen gegenüber neuen Ideen. Man sieht das auch im Konsumverhalten, noch unbekannte Labels haben es häufig schwerer.

Siehst du das auch an den Kunden von Lutz Morris?

Tatsächlich sitzen die meisten meiner Kunden in den USA, gefolgt von Großbritannien, Middle East, dann folgt Deutschland. Ich denke, das liegt aber auch daran, dass ich nach 25 Jahren in New York dort einfach bekannter bin und ein größeres Netzwerk habe.

Junge Labels aus Berlin und Deutschland mangelt es oft nicht an guten Ideen, wohl aber an deren Kommerzialisierung. Du hast deine Marke direkt mit einem Verkaufsstart auf Matchesfashion gelauncht, hast in kurzer Zeit Händler in diversen Ländern gewonnen. Was machst du anders?

Ich glaube, es hat geholfen, dass ich erst für andere Labels gearbeitet habe, bevor ich mich selbstständig machte. Heute gründen viele direkt nach der Uni, ohne Erfahrungen gesammelt zu haben.

Lutz Morris ist noch ein junges Label. Wo möchtest du zukünftig hin?

Natürlich möchte ich von dem was ich tue leben können. Abgesehen davon wünsche ich mir, dass meine Fabriken auch zukünftig geöffnet bleiben können, dass ich solide Arbeitsplätze erschaffe und mit Every Mother Counts weiterhin weltweit Frauen unterstütze. Außerdem kann ich mir langfristig vorstellen, Lutz Morris um weitere Produktsparten zu erweitern. Im Herbst wird es erst einmal eine Kooperation mit dem Brillenlabel Barton Perreira geben, die ähnliche Werte verfolgen wie wir.

Welche Rolle spielt dabei eigentlich Berlin?

Interessanterweise spielt die Stadt für mich zumindest als kreatives Umfeld eine eher untergeordnete Rolle. Was ich an Berlin genieße ist wie schnell ich überall sein kann, egal ob in London, Paris oder Mailand; allesamt strategisch wichtige Zentren für mich, die von den USA viel schwerer zu erreichen sind. Obwohl mir New York fehlt ist eines sicher: Den Jetlag vermisse ich nicht.