FCG INTERVIEW | ANNETTE ROECKL

Rückenwind für die deutsche Mode

Seit 2003 leitet Annette Roeckl das deutsche Familien- und Traditionsunternehmen Roeckl. Sie hat die Handschuhmarke aus München sukzessive zu einem Accessoires-Label ausgebaut. Seit kurzem ist Roeckl auch Mitglied im Fashion Council Germany. Ein Gespräch über den Spagat zwischen Tradition und Moderne, Frauen in Führungspositionen und den Status Quo deutscher Mode.

 

Frau Roeckl. Es heißt, dass ausgerechnet Sie als Teenager aus Prinzip keine Handschuhe getragen haben. Warum?

Wie das eben so ist mit Jugendlichen: Für mich war es ganz wichtig, mich zunächst vom Familienunternehmen abzugrenzen und darüber meinen eigenen Standpunkt zu finden. Zwischenzeitlich habe ich mir meinen eigenen Zugang erschlossen: Handschuhe verstehe ich als ein tolles Handwerksprodukt mit einer spannenden Tradition — und obendrein haben sie eine große Tragweite in der weltlichen als auch kirchlichen Geschichte. Neben den Augen kommt der Hand im kommunikativen Ausdruck eine besondere Bedeutung zu.

Heute gehen Sie ohne Handschuhe nicht einmal einen Espresso an dem nach Ihrer Familie benannten Roecklplatz trinken.

Nie! Je nach Tagesform trage ich heute rote, pinke, gefütterte Handschuhe oder ein leichtes Modell im Sommer. Und dazu ein Tuch und eine Tasche — wir haben mittlerweile eine ganze Produktwelt an Accessoires aufgebaut.

Seit 2003 leiten Sie das Familienunternehmen in 6. Generation. In diesem Jahr feiert Roeckl 180-jähriges Jubiläum. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Tradition und Zukunft?

Das ist genau die Herausforderung. Unser Credo ist, das Werthaltige, Gute und Authentische, was im Kern der Marke verankert ist, in die Zukunft zu übertragen. Dazu müssen wir uns immer wieder die Fragen stellen: Was lohnt sich eigentlich zu bewahren? Was ist unser roter Faden? Für uns bedeutet das ganz klar die Aufrechterhaltung der hohen Qualität und Kundenzufriedenheit. Das ist auch ein klares Commitment gegenüber unseren Mitarbeitern und Partnern. Roeckl war in der Vergangenheit königlicher bayerischer Hoflieferant, auch Kaiserin Sissi trug unsere Handschuhe. So etwas schafft man nicht ohne einen hohen Anspruch.

Apropos Sissi: Wer trägt Roeckl Produkte heute?

Die selben Kunden, die sich auch Roeckl Handtaschen und Tücher gönnen — denen Haltbarkeit wichtig ist und die sich von unseren Mitarbeiterinnen die Produkte in Ruhe erklären lassen, um mit einem Lieblingsstück nach Hause zu gehen. Bei Roeckl stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Unsere Produkte sehen auch noch nach zehn oder sogar zwanzig Jahren wie neu aus. Sie überdauern mehrere Generationen.

Wie lässt sich das nach wie vor sicherstellen?

Die Bewahrung traditionellen Handwerks ist eine Aufgabe, die momentan viele Marken beschäftigt. Zusätzlich zu unserer Handschuhmanufaktur haben wir 2010 eine eigene Taschenmanufaktur eröffnet, in unseren Produktionsstätten in Rumänien arbeiten exzellente Handwerker.

 

Eine transparente Produktion ist heute etwas, wonach auch der Kunde fragt. 

Der Kunde selbst hat heute außerdem eine ganz andere Awareness, auch was die Regionalität von Produkten angeht. Auch aus dem Grund bilden wir mittlerweile in Deutschland aus. Knowhow ist der Schlüssel. Um die Produktkompetenz auch weiterhin zu stärken, überarbeiten wir derzeit unser gesamtes Werkstattkonzept in München.

Ein Schritt Richtung Modernisierung.

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weitergeben der Glut — als ich 2003 die Geschäftsleitung übernommen habe, war das für mich ein Schlüsselsatz. Es ist ganz wichtig, nicht in Starrheit zu versinken. Die Welt tickt heute natürlich ganz anders. Wir setzen daher auch stark auf Digitalisierung, in der Kommunikation als auch in den Unternehmensstrukturen.

Hatten Sie es als Frau an der Unternehmensspitze anfangs eigentlich schwerer?

Interessanterweise habe ich aus der internen Betrachtung der Mitarbeiter kein Problem gespiegelt bekommen, wohl aber von externen Geschäftspartnern. Warum steht da eine Frau, noch dazu so jung? Da waren viele unausgesprochene eindeutige Fragezeichen, etwa seitens der Bänker oder Versicherungsvermittlern. Ich habe das versucht zu ignorieren, war am Anfang aber selbst auch häufiger unsicher. Wir leben leider nach wie vor in einer patriarchalen Gesellschaft, das Erbe sitzt in jedem von uns. Das macht auch etwas mit dem Selbstbild der Frau.

Wie haben Sie die Unsicherheit überwunden?

Souveränität kommt mit Erfahrung. Wichtig ist, an sich zu glauben. Irgendwann ist das Geschlecht kein Thema mehr. Was zählt ist die Persönlichkeit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Würden Sie sagen, dass Sie als Frau einen anderen Führungsstil haben?

Ich denke ja. Wahrscheinlich agiere ich etwas kooperativer und gemeinschaftlicher.

Wie sieht es, abgesehen von Ihnen, eigentlich bei Roeckl mit Frauen in Führungspositionen aus?

Da sind wir ganz weit vorne, 80-90 Prozent der Führungspositionen sind von Frauen besetzt, in den Boutiquen als auch in der Leitung unserer Manufakturen. Die Zentrale ist in den letzten Jahren weiblicher geworden. Im Einzelhandel wie generell in der Modebranche arbeiten traditionell Frauen, die sind einfach tüchtig. In der Erfolgsspur machen wir gerne weiter.

Und ich arbeite tatsächlich sehr gerne mit Frauen in der Führung zusammen. Generell empfinde ich diverse Teams aus Jungen und Alten, langjährigen und neuen Mitarbeitern sowie Frauen und Männern als das Ideal.

2017 hatte Roeckl eine schwere Krise — die eigens angemeldete Insolvenz konnte glücklicherweise abgewendet werden.

Wir haben den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung damals zurückgenommen, da wir sehr schnell innerhalb der Familie eine Lösung entwickelt haben. Der Zusammenhalt ist in einem Familienunternehmen sicher stärker als bei einer großen Holding.

Schuld waren auch die warmen Winter. Ihre Umsätze erkannte man früher an der Wetterkurve. Und heute?

Obwohl wir uns heute als Accessoires-Marke positionieren, liegt der Schwerpunkt immer noch auf unserer Herkunft, dem Handschuh. Ein kalter Winter kann da eine umsatzausschlaggebende Saison sein. Russland ist auch deshalb ein wichtiger Markt, wo wir viel reingeben.

Setzen Sie derzeit generell stärker auf das Auslandsgeschäft?

Nachdem wir in der Krise einige Filialen schließen mussten, können und wollen wir in DACH auch wieder einiges ausbauen. Hier sind wir nach wie vor Marktführer.

Wie bewerten Sie als deutsches Traditionsunternehmen eigentlich Deutschland als Modenation?

Deutschland steht primär für Industrie und Technik, für Präzision und Ingenieurskunst — und nicht für Mode. Da muss man die Kirche im Dorf lassen. Trotzdem gibt es eine Power im Fashion Design, die lange nicht genug ausgeleuchtet wurde. Wir haben herausragende kreative Töpfe und Hidden Champions auch in der Mode.

Das trifft es ganz gut. Die Sichtbarkeit von Mode Made in Germany zu erhöhen und junge Talente zu fördern hat sich das Fashion Council Germany zur Aufgabe gemacht. Seit kurzem ist auch Roeckl Mitglied der Modekammer.

Ich halte es für eine förderungswürdige Institution, da sie eben hilft, der deutschen Mode mehr Gehör, eine bessere Plattform und gesteigerte Wahrnehmung zu verschaffen — was sie auch verdient hat. Es gibt herausragende Kollektionen, die keiner sieht. Vernetzung wird wichtiger denn je. Wenn wir uns zusammenschließen können, wird die unglaubliche Fashion Power Deutschland weiter nach vorne bringen. Man sieht das an Ländern wie Italien und Frankreich, wo Modekammern eine lange Tradition haben. Der Rückenwind für die deutsche Mode ist eine großartige Chance. Ich freue mich darauf.