FCG INTERVIEW | DAWID TOMASZEWSKI

„Berlin hat mich so ins Herz geschlossen wie ich bin“

Reduzierte Schnitte, grafische Prints, eine Prise Avantgarde und ein Hauch von Kunst: Seit 2009 entwirft Dawid Tomaszewski von Berlin aus Mode für Frauen mit Liebe zum Eklektischen. In der deutschen Hauptstadt gilt er nach zehn Jahren mit eigenem Label schon Urgestein und Experte der hiesigen Modeszene, entwickelt sich dabei aber konsequent weiter. Wir sprachen mit dem Designer und FCG-Mitglied über den Status Quo des Modestandortes Berlin, internationalen Weitblick und neue alte Retail-Ideen.

 

Herr Tomaszewski, Sie haben an der Berliner Universität der Künste Modedesign studiert — unter Vivenne Westwood, eine Designerin, die heute wie keine Zweite für ihr grünes Engagement bekannt ist. Hat Sie das geprägt?

Naja, damals war der Aspekt der Nachhaltigkeit und grünes Engagement leider noch nicht in der Modebranche vertreten. Auch Vivienne, hat wie alle Designer Pelz in Ihren Kollektionen verwendet und auch gerne selbst getragen. Erst in den letzten Jahren hat Nachhaltigkeit enorm an Wichtigkeit gewonnen – vollkommen zu Recht!

 

Warum ist Nachhaltigkeit in der Mode momentan so wichtig?

Die Modebranche ist die zweitschmutzigste Industrie der Welt. Langsam versucht man das zu ändern. Dieses Umdenken stellt Designer natürlich auch vor neue Herausforderungen: Früher habe ich Materialien verwendet, die mir gefallen haben, ohne an die Herkunft oder die Umwelt zu denken. Heute steht jeder Modemacher vor der Aufgabe, ein Produkt zu erschaffen, das langfristig funktioniert, aber auch die komplette Wertschöpfungskette von Sourcing bis zum Endverbraucher im Auge behält.

 

2009 haben Sie sich dann selbstständig gemacht, zuvor hatten Sie bereits Erfahrung in London, Paris, Tokyo und den USA gesammelt. Viele junge Designer machen das heute anders, wollen lieber gleich nach dem Studium ein eigenes Label gründen. Wie finden Sie das?

Vorab: Jeder geht den Weg, den er gehen will. Jungen Künstlern kann man meist nichts vorschreiben, sie lassen sich auch nicht gerne belehren, das merke ich bei meinen jungen Praktikanten. Ich kann allerdings nur jedem empfehlen, Erfahrung in einem internationalen Modeunternehmen zu sammeln, bevor man ein eigenes Label gründet. Und insbesondere den wirtschaftlichen Aspekt einer Gründung darf man nicht unterschätzen. Kreativität ist nicht Alles — die Erstellung eines Businessplans und die Entwicklung eines innovativen Produktes, das sich von anderen abhebt, ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich selbst wurde von einem Designer zum Unternehmer.

 

Warum entschieden Sie sich nach der internationalen Modeluft damals eigentlich für den Standort Berlin?

Berlin hatte mich schon vor 20 Jahren angesprochen, da in der Stadt eine anziehende und einzigartige Energie herrschte, die für mich als Jungdesigner beflügelnd wirkte. Es waren aufregende Zeiten! Außerdem ist Berlin als Standort sehr vielfältig und erfüllt meine persönlichen Bedürfnisse auf allen Ebenen — Berlin hat mich so ins Herz geschlossen, wie ich bin.

 

Damals war die Modeszene als auch die Berlin Fashion Week noch recht jung und vieles im Umbruch. Wie empfinden Sie das heute, zehn Jahre später?

Die realistische Einschätzung des Marktes und des Modestandortes sieht nicht sehr rosig aus und ist international betrachtet leider nicht wettbewerbsfähig. Aufgrund der bestehenden Berliner Messedaten, die sich nicht am internationalen Markt orientieren, kann sich der Standort nicht etablieren. So mangelt es an internationalen Kunden — und ohne die gibt es kein Geschäft. Ich selbst überlege mir für nächste Wintersaison sehr gut, ob es sich für meine Marke noch lohnt, in die Berliner Fashion Week zu investieren. Oder ob es nicht gewinnbringender ist, auf internationalen Gewässern zu fischen.

 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Der Markt und vor allem die Messen müssen ihre Daten an den internationalen Kalender anpassen, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder aufzubauen. Auch die deutschen Modemarken müssen untereinander kollektiv den Austausch suchen, um gemeinsam eine Lösung zu finden, die den Berliner Modemarkt auf lange Sicht wieder nachhaltig attraktiv für den Besuch von internationalen Gästen macht. Deshalb bin Mitglied im Fashion Council Germany — um Initiative zu zeigen und den Austausch mit meinen Kollegen zu suchen.

 

Mit dem Monetarisieren von kreativen Ideen tun sich viele Designer hierzulande schwer.

Viele Produkte sind austauschbar und können sich gegen die großen Player nicht behaupten. Die meisten Einkäufer bauen sich ein Produktsortiment aus vorrangig international bekannten Marken auf. Um Ihren Store aufzufrischen, nehmen sie dann oft noch Marken, die den avantgardistischen Aspekt erfüllen, mit auf. Dies ist ein Risikogeschäft, was sich auch am Kaufvolumen widerspiegelt. Die Einkäufer sind momentan sehr unter Druck und gehen deshalb auf Nummer sicher.

 

Warum klappt es mit der Kunst in und aus Berlin in Hinblick auf den internationalen Wettbewerb besser?

Der Kunstmarkt ist ein gutes Beispiel, da sich dieser an internationalen Märkten orientiert und sich die Akteure untereinander absprechen. Die Galeristen haben ein enges und weltweites Netzwerk ins Leben gerufen, das miteinander spricht. Das fehlt in der Modebranche und vor allem in Berlin.

 

Apropos: Sie selbst haben, abgesehen von Modedesign, auch Kunst studiert.

Ich liebe Fotographie und Kunst! Die Impressionen, die ich daraus ziehe, fügen sich am Ende in meiner Mode zusammen. Und dann kommt es auf eine innovative Entwicklung der Silhouetten an. Ich spiele mit Farben oder einem Print, zerschneiden Stoffe, setze sie wieder zusammen – das ist ein Prozess, den man auch aus der Kunst kennt.

 

Sprechen wir über ein anderes Kulturmedium — haben Sie eigentlich noch einen Fernseher zu Hause?

Ja, ich besitze ein solches Gerät und schaue am liebsten Trash TV. Die Kardashians haben es mir angetan!

 

Sie selbst sehen wir auch im Fernsehen: Auf der letzten Berliner Modewoche präsentierten Sie die erste DAWID by Dawid Tomaszewski Kollektion, für den Teleshopping-Sender QVC. Anfang September wurde diese gelauncht. Wie kam es dazu?

Vor zwei Jahren wurde ich von QVC zur VOGUE Fashion’s Night Out nach Düsseldorf eingeladen. Ich lernte das Team von QVC kennen und konnte mir eine Zusammenarbeit sehr gut vorstellen. Aber mir war klar: Wenn ich das mache, dann muss ich es gut machen. Und dazu brauche ich genügend Zeit und Kraft. Dieser Zeitpunkt ist jetzt da — und mit der Chance, die mir QVC gegeben hat, verwirkliche ich mir einen Traum, den ich bereits vor 20 Jahren hatte, als ich in den USA lebte.

 

Tele-Shopping ist nicht gerade etwas, das man bislang mit Berliner Mode assoziiert hat.

Bei dem Projekt mit QVC handelt es sich um eine von der Marke DAWID TOMASZEWSKI unabhängige Kooperation, für die eine eigens entwickelte Kollektion produziert wurde. Die Kollektion DAWID by ist im kommerziellen Marktbereich platziert und spricht somit eine völlig andere Kundin und Zielgruppe an als unser high-end Label DAWID TOMASZEWSKI. Somit kann ich jede Frau mit meiner Mode begeistern, indem ich meine Zielgruppe erweitere.

 

Was kann die Kundin von DAWID by Dawid Tomaszewski erwarten?

Für mein Luxuslabel lasse ich mich stark von Kunst und Architektur beeinflussen und setze deshalb bei reduzierten Schnitten auf grafische, oft große Prints. Für QVC mische ich dazu noch geometrische und blumige Formen. Das bietet mir viele neue Gestaltungsmöglichkeiten und diese verspielten Formen mag ich sehr. Wir entwickeln alle unsere Prints exklusiv in unserem Atelier in Berlin, darauf bin ich sehr stolz. Und ich bin mir sicher, dass unsere Kundin diese Designs liebt und sie ihr im Alltag viel Freude bereiten werden.

 

2019 feiern Sie zehn Jahre Dawid Tomaszewski. Was ist Ihr Resümee — und Ihr Ausblick auf die nächsten zehn Jahre?

Nach zehn Jahren harter Arbeit bin ich noch nicht am Ziel. Ich will mit meinen Mitarbeitern und dem Unternehmen größer werden, vor allem auf dem internationalen Markt sehe ich mit meiner Marke DAWID TOMASZEWSKI noch Potenzial für ein Wachstum.