FCG Interview | Marcel Ostertag

„Ich wünsche mir einen starken Modestandort Berlin“

In der deutschen Modeszene längst ein alter Hase: Seit 2006 überzeugt Marcel Ostertag mit seinen urban-eleganten — und von Anfang an nachhaltigen —Kollektionen für Frauen und Männer. Zunächst von München aus, vor drei Jahren zog es ihn nach Berlin. Mit wem ließe sich besser plaudern über den Modestandort Deutschland und dessen Entwicklung? Ein Gespräch über die Herausforderungen junger Labels, die Notwendigkeit von Nachwuchsförderung und natürlich Green Fashion.

 

Herr Ostertag, Ihr eigenes Modelabel gründeten Sie 2006. Damals kamen Sie frisch von der Uni. Würden Sie den Schritt in die Unternehmensgründung aus heutiger Sicht als blauäugig bezeichnen?

Wir haben uns in den letzten 26 Saisons zu einer etablierten Fashion Brand entwickelt. Ob das einfacher gewesen wäre, wenn ich erst in einem anderen Unternehmen Erfahrungen gesammelt hätte, kann ich rückwirkend schwer sagen. Was ich sicher weiß: Ich hatte schon immer eine klare Idee meiner eigenen Kollektion. Meine Vorstellungen von fairer Produktion und einer High Fashion Kollektion „Made in Germany“ hat allerdings vor 13 Jahren noch keiner verstanden. Mir war grün zu denken wichtig, bevor es sexy wurde und der Begriff sustainable inflationär um sich griff.

 

Auch der Fashion Council Germany setzt sich verstärkt für Nachhaltigkeit ein.

Zum Glück gewinnt das Thema Nachhaltigkeit in der Mode an immer größerer Bedeutung! Ich möchte niemanden bekehren oder belehren, aber der Konsum von Fast Fashion ist einfach sinnlos und entbehrt jeglicher Wertschätzung gegenüber dem Produkt, den Schneidern, dem Design — und auch gegenüber sich selbst.

 

Eine nachhaltige Modemarke aufzubauen: Wie gelingt das eigentlich?

Um eine nachhaltige und transparente Marke aufzubauen, war es uns zunächst sehr wichtig, einen Produzenten zu finden, der unsere hohen Ansprüche teilt. Bei unseren Stoffen und Materialien legen wir Wert auf höchste Qualität und Herkunft und verzichten auf die Verwendung von Leder und Pelz. Die größte Herausforderung in diesem Bereich ist es immer, diese anspruchsvolle Produktionskette in einen marktfähigen Preis zu kalkulieren.

 

Welche Herausforderungen sind Ihnen damals bei der Gründung noch begegnet, auf kreativer aber insbesondere auch aus unternehmerischer Perspektive?

Der Modemarkt ist sehr schnelllebig und komplett übersättigt, heute noch mehr als vor 13 Jahren. Das führt natürlich dazu, dass man ein Vielfaches an Energie und Leidenschaft einbringen muss. Es gab viele Momente, in denen ich das Projekt „eigene Brand“ hinterfragt habe. Aber auf kreativer Ebene hatte ich so viele Ideen. Die umzusetzen war mir immer wichtiger, als nur den Aufwand zu betrachten, der dahinter stand.

 

Sie gewannen zu Beginn Ihrer Laufbahn einige Nachwuchs-Awards. Wie ausschlaggebend war das für den weiteren Erfolg Ihrer Karriere? 

Durch diese Auszeichnungen wurden mir medial als auch finanziell einige Türen geöffnet. Ich hatte außerdem immer Spaß, an diesen Ausschreibungen teilzunehmen, und kann das nur jedem Designer empfehlen.

 

Wird in Deutschland Ihrer Meinung nach genug für den Modenachwuchs getan?

Leider nein. In Großbritannien beispielsweise ist die Nachwuchsförderung viel etablierter. Ich habe in London am St. Martins College studiert und hatte zu der Zeit ganz andere Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Förderung. Deutschland hat in diesem Bereich noch einiges nachzuholen — angefangen bei dem Selbstverständnis und der Wahrnehmung der eigenen tollen Designer. In Deutschland orientiert man sich gern international, anstatt national aufzubauen und zu fördern. Ich wünsche mir einen starken Modestandort Berlin.

 

Sie sind auch Mitglied des Fashion Council Germany…

… Genau aus dem oben genannten Grund: Um die deutsche Modebranche institutionell zu stärken und stärker ins Gespräch zu kommen. Für mich ist die bislang größte Errungenschaft des FCG, dass der Austausch unter den Designern gefördert wurde und sie vertreten werden. Für die Branche ist es außerdem gut, eine Institution zu haben, die sich dafür einsetzt, dass Mode als ernstzunehmender Wirtschaftszweig anerkannt wird.

 

Was ist für den Erfolg in der Modebranche noch wichtig?

Für einen langfristigen Erfolg ist es wichtig, seine Brand-DNA zu bestimmen und ständig weiterzuentwickeln. Durch verschiedene Projekte konnte ich die Identität der Marke Marcel Ostertag weiter schärfen. Das waren tolle Erfahrungen für mich persönlich und hat mir beispielsweise meinen Traum erfüllt, auf der New York Fashion Week zu präsentieren.

 

Auf der Berlin Fashion Week waren Sie von Anfang an eine feste Instanz. Was für ein Wind weht hingegen in New York?

Die Menschen in New York feiern die Fashion Week als großes Ereignis und zeigen ihre Begeisterung an Mode in einer positiven und fördernden Art, was mir in Berlin etwas fehlt. In New York wurde meine Show außerdem von vielen internationalen Presse- und Medienvertretern und Einkäufern besucht. In Berlin vermisse ich zunehmend das Fachpublikum, dennoch halte ich an der hiesigen Modewoche fest und hoffe, mit meiner Kontinuität zur Förderung des Standortes Berlin beizutragen.

 

Bis 2016 war Ihr Label-Standort München. Dann haben Sie Ihren Sitz nach Berlin verlagert.

Ich liebe Berlin und hatte beruflich ganz einfach die meisten Termine hier. Deshalb war die Entscheidung schnell getroffen. Unsere Produktionsstätten in Brandenburg und Thüringen sind so noch schneller zu erreichen, was optimal ist. Zudem inspiriert mich diese Stadt einfach wahnsinnig und gibt mir das Gefühl, angekommen zu sein.

 

War es für Marcel Ostertag von Vorteil, in der letzen Dekade von München aus zu agieren und — und nicht von Berlin?

München war durchaus ein interessanter Standort und wird für mich immer ein Stück Heimat bleiben. Nach meinem Studium gab mir München eine gewisse Sicherheit sowie Nähe zu bestehenden Kontakten, Partnern und meiner Familie, welche mich bei der Gründung meines Unternehmens unterstützte. Darüber hinaus konnte ich dort meine ersten langjährigen Kundinnen gewinnen, mit welchen ich teils auch eine persönliche Freundschaft pflege. Von München aus koordinierten mein Team und ich in den vergangenen Jahren viele spannende Projekte, wodurch sich Marcel Ostertag als Marke etablieren konnte.

Durch unsere internationale Präsenz kann ich jedoch sagen, dass meine Kunden auf der ganzen Welt zu Hause sind. Der Berliner Store hat mir ebenso wahnsinnig tolle neue Berliner Kundinnen und Kunden gebracht.

 

Sie waren vor Ihrer Modekarriere Profi-Balletttänzer. Vermissen Sie das Tanzen beizeiten?

Ich tanze tatsächlich immer noch wahnsinnig gern, wenn auch in einem anderen Rahmen. Ich freue mich immer wieder, ins Ballett zu gehen und die Ästhetik in meinen Entwürfen umzusetzen. Für meine aktuelle Herbst-Winter-Kollektion 2019/20 — „Heroes“ — habe ich mich von den Helden meiner Jugend, wie beispielsweise dem Balletttänzer Mikhail Baryshnikov, inspirieren lassen. Das Ballett hat mich außerdem etwas Wichtiges gelehrt: Disziplin. Ohne die geht es in der Mode auch nicht.