FCG INTERVIEW | The Corner Berlin

„Das richtige Buying ist das Wichtigste“

Wenn man so will, war Emmanuel de Bayser einer der ersten, der Luxusmode nach Berlin gebracht hat. Gemeinsam mit seinem Partner Josef Voelk eröffnete der gebürtige Pariser 2006 die Boutique The Corner Berlin am Gendarmenmarkt, damals eine rare Anlaufstelle für die großen internationalen Designer und ein Hotspot für die hiesige Modeszene — noch bevor es in der Hauptstadt eine Fashion Week gab. Mittlerweile betreibt de Bayser zwei weitere Dependancen in der Stadt, erst im vergangenen Jahr eröffnete er einen großen Store nahe des Kurfürstendamms. Mit dem Fashion Council Germany sprach der Retail-Experte über neue Anforderungen an den Handel, den modischen Wandel in der Hauptstadt — und warum es wirklich endlich einen neuen Flughafen braucht.

Herr de Bayser, während andere Boutiquen und Concept Stores schließen, machen Sie neue auf. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Wir machen intuitiv das, wovon wir denken, dass es zum Zeitgeist passt. Dazu überlegen wir uns immer wieder etwas anderes. Das hat auch hat mit Gefühl und Kreation zu tun. Mit The Corner Berlin wollen wir unsere Kunden inspirieren.

Wie zum Beispiel?

In unserer neuen Dependance im Berliner Westen gibt es etwa einen Shop-in-Shop mit der französischen Macaron-Marke Ladurée. Manchmal kommen Besucher nur herein, um dort etwas Süßes zu kaufen — und entdecken dann vielleicht doch noch eine Bluse oder ein Kleid, das ihnen gefällt. So schaffen wir außerdem zusätzlichen Traffic. Wir hatten im Westen schon seit Jahren eine kleine Dependance. Mit dem neuen Laden und Konzept machen wir mehr als das Doppelte an Umsatz.

Sie schaffen Erlebnisse, die über das reine Shoppen hinausgehen.

Genau. Wir machen immer wieder kleine Aktionen, um unsere Kunden oder solche, die es werden könnten, zu erreichen. Zur Europa-Wahl hatten wir etwa ein spezielles EU-Sweatshirt im Sortiment, das in Kooperation mit Place To B entstand — auch um die Idee von einem gemeinsamen Europa zu unterstützen. Kürzlich hatten wir außerdem mit Dior einen Pop-up Shop und im vergangenen Jahr einen gemeinsamen Launch mit Gucci.

Ist das Ihre Antwort auf den wachsenden Online-Handel?

Es ist ja nicht so, dass die Kunden nur noch online kaufen. Sie mögen die Welt der Apps, kommen aber nach wie vor gerne in Geschäfte. Online-Shopping kann auch lästig sein. Wenn ich mir all diese Leute anschaue, die eine halbe Stunde in der Schlange bei der Post anstehen, um ihr Paket abzuholen — und dann passt das Bestellte nicht und beim Rückversand steht man wieder an? Da gehen sie doch lieber zu uns und bekommen eine vorsortierte Auswahl und fabelhaften Service. Nach einer halben Stunde sind sie glücklich wieder draußen, ohne Zeit verloren zu haben.

Setzen Sie auch auf Online-Vermarktung?

Wir arbeiten immer mehr mit den sozialen Medien, auf Instagram haben wir derzeit rund 35.000 Follower. Wir setzen allerdings auf einen persönlichen Kontakt, schicken unseren existierenden Kunden etwa Bilder von Produkten via Whats App, von denen wir glauben, es könnte etwas für sie sein. Das ist schon ein sehr persönlicher Service. Auch deshalb haben wir viele Stammkunden.

Stationär wollen Sie jetzt deutschlandweit expandieren, war kürzlich zu lesen.

Das ist eigentlich immer eine Option, aber es kommt natürlich darauf an, ob sich gute Gelegenheiten ergeben. Offen sind wir dafür immer, unser Modell funktioniert auch in anderen Städten gut.

Was ist Ihr Konzept?

Wir haben uns in letzter Zeit stark auf die großen Renner spezialisiert. Wissen Sie, weltweit wollen die Kunden immer die gleichen Produkte und Marken. Die Modebranche ist da schon speziell. Wenn man in einer gewissen Preisklasse unterwegs ist, muss es das eine Label sein. Das ist dann eben Gucci, Dior, Prada, Balenciaga. Letztere führen wir zum Beispiel von Anfang an. Generell pflegen wir zu den meisten Kunden langjährige Partnerschaften. Sie schätzen uns für unsere Kontinuität und sehen uns in Deutschland als Referenz.

Wie ordern Sie? Gehen Sie auf Messen?

Messen besuchen wir nicht. Ich gehe auf die wichtigsten Modenschauen in Mailand und Paris, um dort die Stimmung einzufangen und zu sehen, in welche Richtung sich die Mode entwickelt. Ansonsten besuchen wir die Showrooms. Das hat sich natürlich in den letzten Jahren intensiviert, aber ich habe ein gutes Team. Beim Ordern weiß ich von vornherein, was wir brauchen, auch unsere Kunden sagen, was sie wollen. Mit den Marken bin ich dann im direkten Kontakt. Das richtige Buying ist das Wichtigste. Sie können die besten Marken haben — wenn Sie falsch einkaufen, gehen Sie pleite.

Internationale Marken, Modenschauen in Mailand und Paris, Expansion: Wie viel Berlin steckt eigentlich in The Corner?

Die Stadt tragen wir bereits im Namen — und zwar rot. Das ist auch ein Signal und war uns immer wichtig. Als wir 2006 The Corner Berlin am Gendarmenmarkt eröffneten, gab es hier in unserem Segment noch nicht so viel. Wir empfanden Berlin schon immer als eine Stadt mit Zukunft. In Europa gibt es nicht viel vergleichbare Städte, die offen, jung und frisch sind.

Damals passierte in Berlin gerade einiges in der Branche. 2007 fand in der Hauptstadt erstmals die Fashion Week statt und mit ihr kam ein Gefühl modischen Aufschwungs. Wie sieht es diesbezüglich heute aus?

Die Stadt selbst muss sich meiner Meinung nach noch mehr entwickeln. Das coole Image ist natürlich super — aber man kann langfristig nicht nur über Armut sexy bleiben. Ich weiß nicht, was verkehrt daran sein soll, Geld zu verdienen. Man sieht etwa in München, dass dort die Retail-Landschaft stabiler ist, mit mehr Potenzial in der Kaufkraft.

Kaufen die Berliner selbst denn nicht mehr ein?

Nein. Wir leben natürlich auch viel von Touristen und generell einem internationalen Publikum. Der Tourismus in Berlin war allerdings vor fünf Jahren noch qualitativ hochwertiger. Der wachsende günstige Massentourismus bringt kaum Geld in die Stadt, weil die Leute kaum etwas ausgeben. ich sage nicht, dass die Art zu reisen grundsätzlich schlecht ist — für Boutiquen aber etwa auch Restaurants müsste aber ein anderes Niveau her. Dazu bräuchte es in Berlin ein Mindestmaß an Service genauso wie einen gescheiten Flughafen, der einem wohlhabenden Klientel Direktflüge in die Hauptstadt ermöglicht.

Paris ist Ihre Heimat und die Weltstadt der Mode. Man soll Äpfel nicht mit Birnen vergleichen — gibt es dennoch etwas, das Berlin von Paris lernen kann?

Berlin hat super Qualitäten, die Paris überhaupt nicht hat. Die Konzentration sollte eher auf den Stärken Berlins liegen. Modisch muss sich hier allerdings die Mentalität ändern. Deutschland ist ein reiches Land, gleichzeitig geben die Leute ihr Geld lieber für Autos, Reisen und Immobilien aus als für Essen, Mode und Lifestyle. Dabei ist Mode auch eine Power-Wirtschaft. Anders als in Frankreich gehört das hier nicht zur Kultur. Ich denke, das geht auch mit der Professionalität der ansässigen Marken Hand in Hand.

Inwiefern?

In Deutschland machen sich viele Designer gleich nach der Uni selbstständig, anstatt erst einmal Erfahrung zu sammeln. Dabei ist das super wichtig! Es zeigt auch eine gewisse Demut vor der Mode. Wir sprechen hier von einer extrem professionellen Branche, in der man Qualität genauso wie Identität liefern muss. Es gibt viele schöne gute Ideen, aber etwas mehr Professionalität schadet Berlin nicht.

Haben Sie deshalb keine deutschen Modelabels in Ihrem Sortiment?

Doch, wir haben jetzt Odeeh. Wir stehen auch in Kontakt mit Iris von Arnim und können uns vorstellen, mit ihrer Strickmode zum Winter einen Pop-up Store zu machen.

Sie sind Mitglied im Fashion Council Germany. Warum?

Wenn wir Deutschland modisch voranbringen wollen, ist eine Zusammenarbeit sehr wichtig. Berlin hat alle wichtigen Zutaten dafür! Jetzt geht es noch darum, stärker herauszukristallisieren, in welche Richtung es gehen soll. Die Retailer dürfen da nicht fehlen — immerhin bringen die Geschäfte das Geld. Ich wünsche mir ganz generell mehr Kollaboration. Zwischen Händlern, Presse und Stylisten.

Was erhoffen Sie sich davon?

Es sollte zum Beispiel von den Magazinen mehr das geshootet werden, was in Deutschland in den Läden hängt, um die Kunden abzuholen. Wissen Sie, der Kunde hat zunehmend Power, ist heute viel informierter als früher. Die wichtigste Frage sollte deshalb immer lauten: Wer ist meine Kundin und wie kann ich die verführen? In der Mode geht es eben nach wie vor im Glamour, um Schönheit und Verführung. Das sollten wir nie vergessen.