Interview mit Lutz Huelle

Auf Einladung des Fashion Council Germany zeigte Lutz Huelle zum Abschluss der Berlin Fashion Week in der Halle am Berghain die Highlights seiner Kollektionen und brachte mit opulenten Kronleuchtern und vergoldeten Stühlen Pariser Prunk nach Berlin. Nach seinem Studium am Central Saint Martins war er für Martin Margiela tätig und lancierte anschließend 2000 sein gleichnamiges Label.

Als zweimaliger Andam-Preisträger und Consultant für die Max Mara Fashion Group ist Lutz Huelle eine feste Größe im internationalen Modebetrieb.

Sie haben ihr Label in Paris lanciert und immer dort gezeigt. Wie fühlt es sich an in Berlin zu zeigen?

Berlin ist einer meiner liebsten Orte auf der Welt und es fühlt sich toll an hier zu sein. Ich habe das Gefühl, dass ich zu Hause bin. Wir hatten das Fitting mit Blick auf die Gedächtniskirche, was unglaublich war. Hätte mir jemand vor Jahren mal gesagt, dass ich in Berlin eine Kollektion zeige, und dann auch noch in diesem tollen Gebäude, hätte ich das nicht geglaubt.

Worin unterscheidet sich die Mode in Deutschland von anderen Ländern?

Ich glaube die deutsche Mode hat viel mehr Potenzial als man international wahrnimmt. Es passieren auch in der Mode so viele interessante Dinge in Deutschland, trotzdem ist es verhältnismäßig schwierig als junger Designer Fuß zu fassen. Hier geht es eher darum sofort in großem Maße Kleidung zu verkaufen. Das ist in Frankreich und Italien nicht unbedingt der Fall. Dort wird seit Jahrzehnten gezeigt, dass man auch mit Kreativität und interessanten Dingen Geschäfte machen kann.

Was muss sich hierzulande ändern?

Ich schätze diese unglaubliche Bodenständigkeit, die in Deutschland herrscht. Ich finde es extrem angenehm, dass man immer weiß, woran man ist. Aber es fehlt eine gewisse Offenheit. In Deutschland glauben die Leute, dass man, wenn man eine Sache tut, eine zweite Sache nicht anders machen kann. Ich arbeite im Ausland für verschiedene Marken, die mit meiner eigenen Marke nichts zu tun haben und einen völlig anderen Stil haben als ich selbst. Und ich finde, dass man sich mehr auf seine Instinkte verlassen müsste, gerade was Mode angeht. Manchmal müsste man vielleicht einfach sagen, das ist das Richtige im Augenblick, auch wenn es nicht für jede Frau auf der Welt verkäuflich ist.

Instinktiv handeln, das beschreibt Sie ganz gut. Sie waren einer der ersten, der auf die Straße ging, beobachte und Streetwear und Counter Culture auf den Laufsteg holte. Der große Erfolg setzte auch für Sie erst nach Jahren ein. Wie blicken Sie darauf, dass jetzt so viele Marken – auch große Modehäuser – mit diesen Themen kokettieren?

Ich finde das toll. Es ist das Beste was passieren konnte. Es ist ein Zeichen dafür, dass ich die richtigen Instinkte hatte und es vollkommen natürlich ist, aufzugreifen, was man im Alltag sieht. Das ist das interessante an der Mode. Alle haben denselben Gedanken haben und dann geht es weiter. Ich hatte diesen Gedanken eben vielleicht ein bisschen früher.
Wie geht es weiter? Tritt jetzt, wo so viele eine ähnliche Ästhetik umsetzen und sich das Bild lansam übersättigt, wieder eine Kehrtwende ein?
Es geht immer weiter. Es gibt immer andere Sachen die nach vorne gehen, aber ich habe das Gefühl, dass es im Moment zu einer gewissen Eleganz zurückgeht. Es  klingt altmodisch, aber gerade das finde ich ja interessant.

Sie sind mit den Künstlern Alandra Bircken und Wolfgang Tillmans in Remscheid aufgewachsen und zusammen erst nach Köln und dann nach London gegangen. Wie wichtig ist eine Gemeinschaft Gleichgesinnter für kreative Arbeit?

Mit den beiden habe nicht zusammengearbeitet, wir sind in erster Linie einfach Freunde. Aber Gleichgesinnte sind extrem wichtig, weil niemand alleine sein möchte und jeder verstanden werden möchte. Es ist wahnsinnig wichtig eine Gemeinschaft zu haben, gerade heute passiert so vieles durch Zusammenarbeit. Überhaupt die Idee Dinge im Alleingang zu machen ist für mich völlig veraltet.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit des Fashion Council Germany?

Die Arbeit des Fashion Council ist extrem wichtig. Verrückterweise gibt es das in anderen Ländern ja schon seit Jahrzehnten. Die Tatsache, dass es das jetzt auch hier gibt, ist ein Zeichen dafür, dass Mode in Deutschland endlich ernst genommen wird. Ich überlege manchmal, ob ich überhaupt weggezogen wäre, wenn es damals anders gewesen wäre. Aber als ich angefangen habe, war es einfach nicht möglich in Deutschland etwas in dieser Form aufzubauen.

Sie wurden im Frühjahr in Paris gemeinsam mit anderen Desigern zu Emmanuel Macron in den Elysée-Palast eingeladen und wurden nun auch mit Vertretern der deutschen Mode-Industrie im Kanzleramt von Angela Merkel empfange. Wie hat sich das angefühlt?

Es hat sich in Berlin genauso toll angefühlt wie es sich in Paris angefühlt hat. Der französische Staatspräsident hat uns gesagt: „Ici, c’est votre maison“. Man fühlt sich dadurch ernst genommen. Das war jetzt auch in Berlin der Fall als uns die Bundeskanzlerin empfangen hat. Man kann über die Mode sagen was man will, aber Tatsache ist, dass sie eine riesige Industrie ist. Sie ist genauso wichtig wie die Autoindustrie und ich finde es völlig verrückt, dass man das in Deutschland bisher nicht so wahrnehmen wollte.