„Deutschland ist ein großer, kaufkräftiger Markt“

„Deutschland ist ein großer, kaufkräftiger Markt“

 

Anfang Juni freute sich das Fashion Council Germany über einen Besuch der belgischen Kollegen von Flanders D.C., der flämischen Kammer für Mode, Design und Kreativität mit Sitz in Antwerpen und Brüssel. Gemeinsam mit acht belgischen Labels waren sie für drei Tage angereist, um den deutschen Modemarkt besser kennen zu lernen. Warum? Das hat uns Sophie Pay, Projektmanagerin beim „District of Creativity“, im Interview verraten.

 

 

 

Mit einer Delegation belgischer Labels sind Sie aktuell zu Gast in Berlin. Was verschafft uns die Ehre des Besuchs?

Bereits in der Vergangenheit haben wir mit einer Auswahl belgischer Labels Reisen unternommen, um andere Märkte kennen zu lernen. Zuvor waren wir in Japan und Korea. Deutschland war jetzt tatsächlich der Wunsch unserer Marken, die daran interessiert sind, sich auf dem deutschen Markt zu positionieren, der für sie höchst interessant ist.

 

Warum ist der deutsche Markt für belgische Designer so attraktiv?

Das liegt ganz einfach daran, dass Deutschland ein großer, kaufkräftiger Markt ist. Gleichzeitig ist er sehr kompliziert und fragmentiert.

Inwiefern?

Einerseits gibt es neben Berlin auch Hamburg, Düsseldorf, München.. so viele verschiedene Städte, deren Kunden allesamt anders ticken! Vielleicht passt der eine belgische Designer vom Stil her besser in den kühlen hanseatischen Norden. Oder nach München, wo es gemeinhin etwas mehr Glamour sein darf. Andererseits haben deutsche Käufer den Ruf, viel Wert auf Qualität und die Verwendung natürlicher Materialien zu legen. Polyester zum Beispiel funktioniert hier nicht gut. Einige deutsche Einkäufer haben die gar nicht mehr auf ihrer Shopping List.

 

Was versprechen Sie sich von dem Besuch in Berlin?

Auf unserem Besuch sollen die belgischen Labels den deutschen Markt kennen und verstehen lernen, um so eine Strategie zu entwickeln, wie sie individuell am sinnvollsten in den Markt einsteigen. Am besten knüpfen sie dafür direkt die richtigen Kontakte. Einige der teilnehmenden Designer haben hier sogar schon ernsthafte Gespräche mit Retailern aufgenommen, insofern haben wir unser Ziel bereits erreicht.

Wie konnte das Fashion Council Germany dabei helfen?

Das FCG ist natürlich unser erster Ansprechpartner in Deutschland, immerhin verfolgen wir mit dem Flanders D.C. im Grunde das gleiche Ziel: Die Sichtbarkeit unserer Designer national und international zu erhöhen und mit Hilfe eines Netzwerks aus Presse, Kommunikation, Retailern und Produktionsstädten die Modestandorte weiter stärken und als Kulturgut zu fördern. Zukünftig werden wir auch noch enger auf europäischer Ebene zusammen arbeiten. Das FCG hat da hierzulande natürlich die besten Kontakte und so konnten sie für unseren dreitägigen Aufenthalt ein sinnvolles Programm zusammen stellen.

Wie genau sah das Programm aus?

Insgesamt acht belgische Labels konnten sich für das maßgeschneiderten Aufenthalt in Berlin bewerben. Zusätzlich geht es einen Tag nach Düsseldorf. Einerseits besteht das Programm aus Workshops zu Themen wie Consumer Behavior, Distribution, PR und Kommunikation. Alle Workshops, teils in Form von individuellen Einzelsitzungen abgehalten, wurden von jeweiligen Experten aus der deutschen Modeindustrie geleitet. Andererseits hatten wir Termine mit potentiellen Partnern und Agenten. Und natürlich haben wir auch einigen Retailern einen Besuch abgestattet.

Warum ist das so wichtig?

Es ist immer gut, sich theoretisches Wissen anzueignen. Letzen Endes ist es aber genauso wichtig, sich ein Bild von der Realität zu verschaffen, um zu verstehen, wie es wirklich funktioniert. Wir haben uns deshalb ein breites Spektrum an Shops vom High End bis zum Premiumsegment angesehen. Darunter den Voo Store und Andreas Murkudis, Greta & Louis und Kauf Dich Glücklich als auch P&C und das KaDeWe. Witzigerweise stellte sich dort heraus, dass die bereits in Kontakt mit einer unserer Labels stehen: Julia June.

Welche Art von Labels haben am Programm teilgenommen?

Belgien ist eigentlich ziemlich bekannt für die künstlerisch arbeitenden Designer der Royal Academy of the Arts in Antwerpen— so ziemlich jeder hat schon einmal von den legendären „Antwerp Six“ gehört. Tatsächlich gibt es auch ein sehr starkes, mittelpreisiges Segment von Labels, die etwas kommerzieller arbeiten. Primär solche haben uns nach Berlin begleitet. Wie etwa Caroline Biss. Sie hat hier übrigens zwei Boutiquen. In Köln und Düsseldorf. Auch die Designerin Luce ist dabei. Ihre Kollektion Pure by Luce dreht sich um nachhaltige Active Wear. Das mittelpreisige Segment hat meiner Meinung nach in Deutschland gute Chancen, sich zu etablieren.

Bessere Chancen als die Fashion Designer der Akademie in Antwerpen?

So wie ich den deutschen Markt verstehe, sind die Käufer relativ konservativ, ergo nicht unbedingt das offenste Volk gegenüber jungen, flippigen Designern. Vor allem, wenn sie den Namen noch nie gehört haben, ist da ab einer bestimmten Summe die Kaufbereitschaft zu Ende. Da wird dann einem namhaften internationalen Designhaus der Vorzug gegeben. Das verspricht mehr Sicherheit. In Belgien ist das bis zu einem gewissen Grat ähnlich, obwohl ich denke, dass der kreative Approach aus Antwerpen stetig auch in die niedrigeren Segmente trippelt. So oder so ist das natürlich eine Problematik, wo die Modekammern mit ihrer Arbeit ansetzen, um die Akzeptanz gegenüber jungen Labels zu fördern.

 

Wie empfinden Sie eigentlich Berlin?

Die deutsche Hauptstadt ist und bleibt ein Ort für Freigeister und Kreative. Aufgrund der offenen und internationalen Stimmung werden hier Trends gesetzt — nicht nur für die belgischen Brands ist Berlin deshalb absolut inspirierend. Und eine gute Plattform: Zur Fashion Week zeigt HNST auf der Premium. Ein nachhaltiges Denim Label aus Belgien, das ausschließlich mit recycelten Jeansstoffen arbeitet. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Ich bin mir sicher, dass es nicht der letzte Besuch von uns war.